Antwort auf Stadtratsanfrage: Ein Flößer- und Isar-Museum für München!

Ein Flößer- und Isar-Museum für München!
Ein Flößer- und Isar-Museum für München!

 

Antrag von Herrn StR Richard Quaas, Frau StRin Dr. Evelyne Menges, Herrn StR Johann Stadler, Frau StRin Dr. Manuela Olhausen vom 02.10.2015

Antwort Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers:

Sehr geehrter Herr Stadtrat Richard Quaas,
sehr geehrte Frau Stadträtin Dr. Evelyne Menges,
sehr geehrter Herr Stadtrat Johann Stadler,
sehr geehrte Frau Stadträtin Dr. Manuela Olhausen,

nach § 60 Abs. 9 GeschO dürfen sich Anträge ehrenamtlicher Stadtratsmitglieder nur auf Gegenstände beziehen, für deren Erledigung der Stadtrat zuständig ist. Der Inhalt Ihres Antrages betrifft jedoch eine laufende Angelegenheit, deren Besorgung nach Art. 37 Abs. 1 GO und § 22 GeschO dem Oberbürgermeister obliegt, weshalb eine beschlussmäßige Behandlung im Stadtrat rechtlich nicht möglich ist.

Die Auswahl von Ausstellungsthemen für das Münchner Stadtmuseum ist ebenso wie die Einrichtung von sammlungsbezogenen Abteilungen ein laufendes Geschäft des Museumsbetriebes.

Ihr Einverständnis vorausgesetzt, beantworte ich Ihren o. g. Antrag Nr. 14-20 / A 01425 vom 02.10.2015, der die Einrichtung eines Flößer- und Isarmuseums zum Gegenstand hat, in dieser Form.

Für die inhaltliche Seite ist zunächst festzustellen, dass das Thema in eben der Einlässlichkeit und Beispielhaftigkeit, die der Antrag fordert („ausführlich und exemplarisch“) bereits aufgegriffen ist und vom Münchner Stadtmuseum seit 2008 in der Dauerausstellung „Typisch München!“ behandelt wird. Um diese Präsenz nachzuweisen und sie zugleich mit der inhaltlichen Begründung der Antragstellung abgleichen zu können, sei im Folgenden vollständig dargelegt, wie das Thema dem Publikum gegenwärtig vermittelt wird, das heißt, welche Aspekte formuliert sind und welche Museumsstücke in einer exemplarischen Stellvertreterschaft gezeigt werden.

1.

In der räumlich exponierten Ausstellungseinheit, die der Isar im Münchner Stadtmuseum gewidmet ist, erhalten die Besucherinnen und Besucher unter der Überschrift „Die Isar“ eine allgemeine Einführung zur Isar und deren Bedeutung für München.1. In der räumlich exponierten Ausstellungseinheit, die der Isar im Münchner Stadtmuseum gewidmet ist, erhalten die Besucherinnen und Besucher unter der Überschrift „Die Isar“ eine allgemeine Einführung zur Isar und deren Bedeutung für München.

Sie lautet:
„Die Isar entspringt bei Scharnitz im österreichischen Karwendelgebirge und mündet unterhalb von Deggendorf in die Donau. Sie ist gut 260 Kilometer lang. Mit Flüssen wie der Isère in Frankreich und der Jizera in Tschechien hat die Isar einen offenbar gebräuchlichen Wortstamm in Flussnamen gemeinsam.

Ohne Städten wie etwa Freising und Landshut Unrecht zu tun, ist München der einzige Ort, der allgemein mit der Isar in Verbindung gebracht wird. Dabei floss sie die längste Zeit nicht durch München, sondern an der Stadt vorbei. Mit Ausnahme der historischen und immer wieder erneuerten Brücke aus der Zeit Herzog Heinrichs des Löwen entstanden die Münchner Brücken alle erst seit dem 19. Jahrhundert. Heute verbinden rund 25 Brücken das moderne Stadtgebiet. Ohne Städten wie etwa Freising und Landshut Unrecht zu tun, ist München der einzige Ort, der allgemein mit der Isar in Verbindung gebracht wird. Dabei floss sie die längste Zeit nicht durch München, sondern an der Stadt vorbei. Mit Ausnahme der historischen und immer wieder erneuerten Brücke aus der Zeit Herzog Heinrichs des Löwen entstanden die Münchner Brücken alle erst seit dem 19. Jahrhundert. Heute verbinden rund 25 Brücken das moderne Stadtgebiet.

Die Isar ist ein Gebirgsfluss. Ihre zahlreichen Hochwasser gaben zur Mitte des 19. Jahrhunderts Anlass, den Überschwemmungen durch eine Korrektur des Flussbetts vorzubeugen. Die vielen Seitenarme wurden zu einem begradigten Flusslauf zusammengefasst. Im ganzen Innenstadtbereich entstand eine massive Uferbefestigung. Nach der Flutkatastrophe von 1954 wurde die Hochwassergefahr durch den Bau des Sylvensteinspeichers kontrollierbar. Als wegweisend gilt die im Jahr 2000 begonnene Renaturierung der Isar im Stadtgebiet.“Die Isar ist ein Gebirgsfluss. Ihre zahlreichen Hochwasser gaben zur Mitte des 19. Jahrhunderts Anlass, den Überschwemmungen durch eine Korrektur des Flussbetts vorzubeugen. Die vielen Seitenarme wurden zu einem begradigten Flusslauf zusammengefasst. Im ganzen Innenstadtbereich entstand eine massive Uferbefestigung. Nach der Flutkatastrophe von 1954 wurde die Hochwassergefahr durch den Bau des Sylvensteinspeichers kontrollierbar. Als wegweisend gilt die im Jahr 2000 begonnene Renaturierung der Isar im Stadtgebiet.“

2.

In einem dem Ausstellungsraum vorgeschalteten Einbau ist ein Sichtfenster eingelassen, in dem historische Exponate präsentiert werden. Dabei handelt es sich um die bedeutendsten Zeugnisse, die der Gesamtbestand des Münchner Stadtmuseums zu diesem Thema bereithält. Das ist zunächst das um 1870 entstandene Holzmodell eines Isarfloßes in den Abmessungen von 21 x 88 x 35 Zentimetern. Hierzu erhält die Betrachterin und der Betrachter die folgenden Erläuterungen:

„Die Flößerei auf der Isar war für Jahrhunderte der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt München. Schon in den Jahren um 1310 hatte der Magistrat eine Flößerordnung erlassen, mit der vor allem das „Stapelrecht“ geregelt wurde. Es besagte, dass kein Floß die Stadt passieren durfte, bevor es mitsamt der Ware nicht drei Tage lang zum Verkauf angeboten worden war. Neben den Holzstämmen selbst, die in den Nadelwäldern der Gegend um Mittenwald geschlagen wurden, waren Kalk und Wein die bevorzugten Handelsgüter. Noch im späten 19. Jahrhundert landeten jährlich über 8.000 Flöße in München.

Mit dem „Ordinari Floß“ gab es seit 1623 einen regelmäßigen Personenverkehr auf der Isar. Das Floß fuhr jeden Montag über Freising, Erding, Moosburg und Landshut in die Donau und dann weiter bis nach Wien. Nicht zuletzt diente die Isar als Fluchtweg. Während der Koalitionskriege 1796 verbrachte der Galerieinspektor Johann Georg von Dillis zahlreiche Gemälde und andere Kunstschätze der Münchner Residenz auf zehn Flößen nach Linz.

Das Floßmodell wurde von dem Münchner Floßmeister Kaspar Heiß angefertigt. Er stammte aus einer traditionsreichen Flößerfamilie. Sie stiftete 1857 die Figur des heiligen Nepomuk, der als Patron der Flößer auf der Praterwehrbrücke steht.“

3.

Das dreidimensionale Floßmodell wird in der Ausstellungspräsentation von einem Ölgemälde hinterfangen, auf dem das Bildmotiv unmittelbar in den topographischen Kontext der Stadt gerückt ist. Es handelt sich um das historisch wohl bedeutendste Exponat, das zu diesem Thema insgesamt existiert, nämlich um das originale und durch die zeitgenössische Druckgraphik vielfach verbreitete Ölgemälde „Die Münchner Floßwirtschaft ‚Zum Grünen Baum’“, das der Münchner Maler Joseph Stephan in den Jahren um 1767 angefertigt hat. Zu diesem Gemälde gibt es die folgenden Erläuterungen:

„An der Münchner Floßlände, die zwischen der später erbauten Lukaskirche und der Ludwigsbrücke lag, gab es schon früh die Gastwirtschaft „Zum Grünen Baum“. Als eine Art Hafenbar bot sie vor den Mauern der Stadt einen nicht nur bei Floßleuten beliebten Anziehungspunkt. Zugleich war es ein Ort des Handels, an dem die angelandeten Holzstämme gestapelt und umgeschlagen wurden.

Die Flößerwirtschaft war im Besitz der Stadt München. Das Schankrecht wurde 1826 verkauft. An das während der Regulierung der Isar abgebrochene Gebäude erinnert in der heutigen Steinsdorfstraße 14 eine Gedenktafel.

Das Gemälde stammt von Joseph Stephan (um 1709 – 1786). Es wurde 1767 von Franz Xaver Jungwierth (1720 – 1790) mit dem Titel „Der so genannte grüne Baum an der Iser nebst München“ nachgestochen. Den Kupferstich erläutern die polternden Verse:

Hier geht es lustig zu, wer lechzt nach braunem Bier,

Der finde sich hier ein, da kann er sich erquicken

Von Tölz flüst solches Oel nach dieser Lust-Revier.

Sehr viele thut es oft gestärkt nach hause schicken.“

4.

Eine Einbettung des Themas in die Traditionen Münchens wird über das im Lautstand unterschiedlich überlieferte „Lied vom Alten Peter“ hergestellt, das in großer Typographie auf der zugehörigen Einfassungswand zitiert wird. Mit den beiden Versen „so lang die grüne Isar/ durch d‘ Münchner Stadt no geht“ hat dieses Lied für eine scheinbar infinite Verankerung der Isar im städtischen Bewusstsein gesorgt.

5.

Es ist ein Kennzeichen der Dauerausstellung, dass nach dem Gegenwartsbezug historischer Traditionen gefragt wird. Bezüglich der Isar geschieht dies in der Projektion eines Videofilms, den Mitarbeiter des Münchner Stadtmuseums anlässlich der Eröffnung der Ausstellung im Jahr 2008 aufgenommen, geschnitten und vertont haben. Er zeigt, wie sich die vormals wirtschaftliche Funktion der Isarflößerei zu einer heutigen Freizeitvergnügung gewandelt hat. Man sieht ein mit lärmenden Ausflüglern besetztes Floß, das im festen Takt durchs Bild zieht. Im unverrückbaren Zentrum des Bildausschnitts steht der als Georgenstein bekannte Fels unterhalb der Frundsberger Höhe südlich von Grünwald. Der Fels, der schon 1806 im „Stromatlas“ des Adrian von Riedl als Landmarke hervorgehoben wird, zählte traditionell zu den gefährlichen Passagen der Isarflößerei. Heute liegt die Gegend vor allem im Blickpunkt von Naturschutzverbänden, die sich auf den verwilderten Flussbänken bemühen, die Brutperioden bedrohter Vogelarten gewährleistet zu sehen. Die Sorge steht im offenen Widerspruch zur Permanenz der sogenannten Gaudiflößerei, die dem Betrachter des Films in einer Endlosschleife vor Augen und zu Ohren geführt wird. So versteht sich das Video als ein ebenso künstlerischer wie dokumentarischer Beitrag, der sich an der minimalistischen und umso eindringlicheren Ästhetik des US-amerikanischen Filmemachers James Benning (* 1942) orientiert.

6.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Isar für die heutigen Bewohnerinnen und Bewohner Münchens ist darüber hinaus ein Thema, das seit 2012 mit weiteren Einlassungen aktualisiert und noch einmal vertieft ist. Dabei geht es um die immer noch virulente Diskussion der innerstädtischen Freizeitgestaltung, die inzwischen ganzjährig an den renaturierten Isarufern stattfindet. Diese Entwicklung wird in der Ausstellung durch Videoeinspielungen („Grill- und Badetag an der Isar“) sowie durch rahmenlos kaschierte Plakate illustriert, die im Zuge der 2011 begonnenen Kampagne der Müllvermeidung von der Landeshauptstadt München in Auftrag gegeben wurden. Im Erläuterungstext erfahren die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, was es damit auf sich hat:

„Die beiden Videofilme von Daria Zamarlik (Drehbuch und Regie), Corinna Scherer (Kamera) und Mario Schuster (Schnitt) entstanden 2012 zur studentischen Ausstellung „Mein München. Interventionen im Münchner Stadtmuseum“. Die jungen Filmer setzen sich aus subjektiver Sicht mit den Maßnahmen der Renaturierung auseinander, mit denen die Landeshauptstadt München seit 2000 die Fehlplanungen früherer Zeiten revidiert. Der gestalterische Eingriff hat sich zuletzt beim Hochwasser des Jahres 2013 bewährt und findet vielerorts Beachtung. Zum Beispiel gibt es Überlegungen, den Los Angeles River in Kalifornien nach dem Münchner Vorbild zu renaturieren. Das Projekt führt gleichwohl zu neuen Problemen. Zwischen Flaucher und Thalkirchner Brücke ist eine permanente Partyzone entstanden, deren Begleiterscheinungen den eigentlichen Zielen einer Renaturierung widersprechen.“

7.

Schließlich versäumt es die Dauerausstellung nicht, auch auf die Bedeutung der Stadtbäche einzugehen, die von der Isar gespeist werden. Dies erfolgt in unmittelbarer Nähe zum Raum mit den Isarfilmen, allerdings im Zusammenhang mit den für München typischen Viktualien. Bezüglich der Stadtfischer wird dort explizit auf die in jeder Hinsicht weit verzweigte Bedeutung der Stadtbäche hingewiesen.

Zusammenfassend ist somit belegt, dass die Stadt München das Thema des Antrags bereits aufgegriffen und mit einer geschichtlichen und kontemporären Bedeutsamkeit versehen hat, die der inhaltlichen Begründung der Antragstellung entspricht.

Demgegenüber erscheint – wie im Folgenden zu begründen ist – eine konkurrierende Ausweitung in Form einer eigenständigen Institutionalisierung innerhalb Münchens als nicht zweckmäßig. Diese Ausweitung ließe eine mehr quantitative als qualitative Steigerung erwarten, wobei festzuhalten ist, dass hierfür ein Sammlungsbestand aufzubauen und langfristig zu pflegen wäre, der von einer überwiegend archivalischen und graphischen, also papiernen Beschaffenheit ist, das heißt, für eine dauerhafte Präsentation im konservatorischen Selbstverständnis eines Museums grundsätzlich ungeeignet bleibt. An die Stelle des Originals tritt die mediale Reproduktion.

Die im Zusammenhang der Antragstellung in der Öffentlichkeit wiedergegebene Aussage: „Es gab vor 20 Jahren mal eine Dauerausstellung im Stadtmuseum zur Flößerei“ (tz München, 5.10.2015) ist nicht richtig. Richtig ist, dass ein solche Dauerausstellung im Münchner Stadtmuseum zu keiner Zeit existiert hat. Es ist anzunehmen, dass sich die Erinnerung auf die Wechselausstellung „Die Isar – Ein Lebenslauf“ bezieht, die vom 5. Mai 1983 bis zum 25. September 1983 im Münchner Stadtmuseum zu sehen war und als eine der bundesweit ersten kulturgeschichtlichen Sonderausstellungen überhaupt gilt. Hierfür ist der zugehörige Katalog ein bleibendes Zeugnis. Der darin nachgewiesene Bestand der damals verfügbaren Exponate verteilt sich auf mehr als 80 (!) Institutionen, darunter auf das Bayerische Hauptstaatsarchiv, das Stadtarchiv München, das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum und die Bayerische Verwaltung der Staatlichen Schlösser Gärten und Seen sowie die Heimatmuseen in Bad Tölz, Wolfratshausen, Moosburg und viele weitere. Solche zeitlich befristeten Bereitschaften des kollegialen Leihverkehrs verdeutlichen die temporäre Einmaligkeit des Unternehmens. Gleichwohl ließe sich der genannte Katalog selbst bereits als ein zusätzliches Exponat in die aktuelle Dauerausstellung des Stadtmuseums integrieren.

Eine zusätzliche Einrichtung eines eigenen „Flößer- und Isar-Museums“ innerhalb des Münchner Stadtmuseums oder als eines Zweigmuseums unter dessen Leitung und Organisation ist nicht umzusetzen. Der Gedanke ist nicht kompatibel mit der konkreten Umbauplanung, die der Münchner Stadtrat am 30. Juli 2015 beschlossen hat und die auf einem Nutzerbedarfsprogramm basiert, in dem ein zusätzliches Spezial- oder Zweigmuseum nicht vorgesehen ist. Der Gedanke entspricht auch nicht der strategischen Entscheidung, mit der aktuellen Neukonzeption des Münchner Stadtmuseums zu einer Präsentationsform zu kommen, in der die bereits vorhandenen und historisch gewachsenen Sammlungen übergreifend berücksichtigt sein sollen.

Von den vorstehenden Ausführungen bitte ich Kenntnis zu nehmen und gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen
gez.
Dr. Küppers
Berufsm.Stadtrat

Richard Quaas
Richard Quaas
Dr. Evelyne Menges
Dr. Evelyne Menges
Johann Stadler
Johann Stadler
Dr. Manuela Olhausen
Dr. Manuela Olhausen

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