Antwort: Stadtarchäologie – wie geht es weiter?

Stadtarchäologie – wie geht es weiter?
Stadtarchäologie – wie geht es weiter?

Schriftliche Anfrage von StR Richard Quaas und StR Marian Offman vom 18.11.2015

Sehr geehrte Herren Stadträte,

Ihrer Anfrage schicken Sie folgenden Sachverhalt voraus:

„Durch Neu- und Umbauten in der Altstadt hat es in den letzten Jahren viele archäologische Grabungen in München gegeben, die neue Erkenntnisse über die Siedlungsentwicklung und das Leben in München, neben einer Vielzahl von Fundstücken gebracht haben. Damit auch die Münchnerinnen und Münchner, sowie Besucher der Stadt von dem Wissen der Archäolo­gen und anderen beteiligten Wissenschaftlern profitieren können, muss nach Möglichkeiten gesucht werden, diese Erkenntnisse öffentlich zugänglich zu präsentieren. Anbieten dabei, würde sich das Münchner Stadtmuseum, das kurz vor einem weiteren Umbau, bzw. dem 2. Bauabschnitt steht und im Bezug auf seine Sammlung und die Ausstellungen, eine archäo­logische Erweiterung mit modernen Präsentationsmitteln gut vertragen könnte.“

Zu den im Einzelnen gestellten Fragen kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:

Zum Thema der Anfrage existiert ein 2015 konstituierter Arbeitskreis „Archäologie in München“, der unter der Federführung der Archäologischen Staatssammlung München steht. Zu den vertretenen Institutionen wie zum Beispiel dem Landesamt für Denkmalpflege gehören von städtischer Seite auch das Stadtarchiv München für das Direktorium und das Münchner Stadtmuseum für das Kulturreferat. Einschränkend ist festzuhalten, dass eine archäologische Fachkompetenz im Stellenplan des Münchner Stadtmuseums oder der anderen städtischen Institutionen nicht verankert ist und die Landeshauptstadt München keine wissenschaftlich be­treute Sammlung zu diesem Thema hat. Die Beantwortung der einzelnen Fragen erfolgt des­halb in Abstimmung mit der Archäologischen Staatssammlung München.

Frage 1:
Gibt es schon eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen Erkenntnisse von archäologi­schen Grabungen in der Münchner Altstadt, in den letzten 20 Jahren?

Antwort:
Das Referenzwerk ist: Christian Behrer, Das unterirdische München. Stadtkernarchäologie in der bayerischen Landeshauptstadt, München 2001. Daneben enthalten die Berichte der Baye­rischen Bodendenkmalpflege 47/48, 2006/2007 umfangreiche Informationen zu den Ausgra­bungen am St.-Jakobs-Platz. Zu der hierzu im Münchner Stadtmuseum gezeigten Ausstellung (28.11.2003 – 01.02.2004) wurde außerdem im Auftrag des Kommunalreferats der Landes­hauptstadt München herausgegeben: Märkte, Mauern, Horizonte. Ausgrabungen auf dem Sankt-Jakobs-Platz, München 2003. Eine systematische, das heißt wissenschaftliche Biblio­graphie zur Archäologie Münchens liegt unseres Wissens nicht vor.

Frage 2:
Wenn ja, lassen sich diese Ergebnisse auch so aufbereiten, dass sie für ein breiteres, interes­siertes Publikum von Interesse sind?

Antwort:
Die Publikation Behrers ist allgemein zugänglich und allgemeinverständlich geschrieben. Neuere Erkenntnisse bilden im gegenwärtigen Stadium die Grundlage für weitere Forschun­gen, die im Zuge des von der Stadt München mitfinanzierten und bis 2019 laufenden For­schungsprojekts „Archäologie der Altstadt von München“ stattfinden. So ist es ein Ziel dieses Forschungsprojekts, die grundlegende Arbeit Behrers mit dem neuesten Stand der seit 2001 gewonnenen Erkenntnisse zu ergänzen. Dahingehend hat Herr Dr. Behrer bereits im Zuge des Projekts mithilfe des Landesamtes für Denkmalpflege eine Übersicht aller relevanten archäolo­gischen Untersuchungen geschaffen. Diese umfasst 266 Positionen, die vom einzelnen Lese­fund bis zu Großgrabungen, z. B. am Marienhof und am Marstallplatz, reichen. Diese Über­sicht bildet den Ausgangspunkt der weiteren Untersuchungen im Rahmen des Projekts, des­sen Er­gebnisse auch einem breiteren Publikum vorgestellt werden sollen.

Frage 3:
Wenn nein, wird diese Zusammenfassung noch erstellt und wenn ja, bis wann, wenn nein, warum nicht?

Antwort:
siehe unter Frage 2

Frage 4:
Wenn die Ergebnisse der Grabungen und die weiteren Erkenntnisse daraus präsentabel sind, bis wann ist dann mit einer für das breitere Publikum geeigneten Aufarbeitung und Präsentati­on zu rechnen?

Antwort:
Nachdem die von der Archäologische Staatssammlung München koordinierten Auswertungen und Forschungen noch laufen und ebendort aber auch umfangreiche Sanierungsmaßnahmen anstehen, ist es von Seiten der Archäologischen Staatssammlung derzeit nicht möglich, ver­bindliche Terminaussagen zu treffen. Die Arbeitsgemeinschaft Archäologie in München, Träger des Forschungsprojektes „Archäologie der Altstadt von München“ führt bei ihren Treffen jedoch die Diskussion, wie ein kleinere Präsentation erster Erkenntnisse aussehen könnte (For­schungsvertrag, §1) und wie sich eine größere Präsentation nach Projektabschluss, z. B. in Form einer Ausstellung, gestalten könnte. Das Münchner Stadtmuseum erklärt sich zusätzlich zu den Aufgaben bezüglich seines eigenen Umbaus bereit, eine erste Präsentation in einem den qualitativen Ergebnissen – nicht quantitativen Umfängen – angemessenen Rahmen durchzuführen. Zu denken ist an eine der Öffentlichkeit frei zugängliche Präsentationsfläche. Da es sich unter Umständen um lichtunempfindliches Gut handelt, könnte die übliche Laufzeit von drei Monaten theoretisch überschritten werden. Zur genauen Terminierung ist das Münchner Stadtmuseum als Veranstaltungsort allerdings auf seine wissenschaftlichen Kooperationspartner angewiesen. Die genaue Terminierung bleibt außerdem dem Zeitplan des Umbaus untergeordnet, dem eine wirtschaftliche Priorität eingeräumt wird. So hängt die genaue Terminierung zum Beispiel von der gegenwärtig nicht zu beantwortenden Frage ab, ob der Umbau in Bauabschnitten und, wenn ja, in welchen Bauabschnitten vollzogen werden wird.

Frage 5:
Gibt es eine Planung, nachdem der 2. Bauabschnitt des Stadtmuseumsumbaus ansteht und die Vermittlung der Stadtgeschichte und des Lebens in der Stadt zu den wesentlichen Aufga­ben des Hauses gehört, dass die neueren stadtarchäologischen Erkenntnisse aus den letzten 20 – 25 Jahren in die künftige Ausstellung eingebunden werden?

Antwort:
siehe unter Frage 6

Frage 6:
Wenn ja, in welcher Form und ggf. mit welchen Darstellungsmitteln und wieviel Raum ist pro­zentual dafür ca. im Bezug auf die Gesamtsammlung vorgesehen?

Antwort:
Einer Aussage zu jeweils angemessenen Darstellungsmitteln einer Präsentation sind grund­sätzlich konzeptionelle Überlegungen voranzustellen. Grundlage wäre auch im konkreten Fall ein Konzept, in dem erläutert ist, wie sich die angefragte künftige Ausstellung von bereits ge­leisteten und vorhandenen Präsentationen sowie deren Fragestellungen methodisch unter­scheidet. So ist festzuhalten, dass die in den letzten 20 – 25 Jahren in der Stadtarchäologie al­lerorts aktuell gewordenen Themen (Verfüllungen als Fundgruben des historischen Alltags, Ho­rizonte als Sedimente der Lokalgeschichte, Tiefenbohrung als Beitrag zur topographischen Fundierung eines bestimmten Areals, Gefäßdeponierungen als Ausdruck eines sogenannten Volksglaubens etc.) gegenwärtig bereits in der Dauerausstellung des Münchner Stadtmuse­ums aufgegriffen sind. Dort werden zum Beispiel die für stadtarchäologischen Funde so typi­schen Küchenabfälle gezeigt, konkret diejenigen Funde, die ab 1991 aus dem Brunnen der mittelalterlichen „Trinkstube“ (am Ort des späteren „Ratskellers“) geborgen wurden. Eine me­thodische Wiederholung, für die allein der Grabungsort ausgetauscht wird, die Kernaussagen jedoch dieselben blieben, ist aus musealer Sicht nicht unbedingt erstrebenswert. Bei einer Stadtmuseums-Präsentation der Funde vom Marienhof wäre außerdem zu erläutern, warum die Fundstücke an den St.-Jakobs-Platz transferiert und nicht in situ oder zumindest im wahr­nehmbaren Umfeld gezeigt werden. Der Vorzug der genannten Ausstellung über die Grabun­gen am St-Jakobs-Platz („Märkte, Mauern, Horizonte. Ausgrabungen auf dem St.-Jakobs-Platz in München“, Münchner Stadtmuseum 2003 – 2004) lag ja gerade in der unmittelbaren Nach­barschaft von Grabungs- und Präsentationsort.

Als problematisch wäre die historische Bedeutung der jüngsten Grabungen am Marienhof zu betrachten, wollte man daraus Aussagen zur Gründungsgeschichte Münchens ableiten. Es könnte nämlich der Eindruck entstehen, die Landeshauptstadt München würde um eine Ge­schichte ringen, die den entscheidend älteren, zum Beispiel römischen Stadtgründungen in Bayern vergleichbar wäre. Fakt ist, dass auch die jüngsten Ausgrabungen keinerlei Anlass zu einer Revision der historisch gültigen Position geben. Auch weiterhin gilt, dass eine vor das Jahr 1158 zu datierende Siedlungskontinuität für München nicht zu belegen ist; s. hierzu: Hu­bertus Seibert und Alois Schmid (Hrsg.), München, Bayern und das Reich im 12. und 13. Jahr­hundert. Lokale Befunde und überregionale Perspektiven, München 2008.

Eine stadtarchäologische Ausstellung zum Areal des Marienhofs wäre für das Münchner Stadt­museum dann ein Gewinn, wenn damit Aussagen zur Judengasse, zum Pogrom des Jahres 1295 und zur Gruftkirche gemacht werden könnten. Hierfür sind Forschungen erforderlich, die das Münchner Stadtmuseum nicht in eigener Zuständigkeit leisten kann. Hierzu ist wie oben festzustellen, dass eine archäologische Fachkompetenz im Stellenplan des Münchner Stadt­museums oder der anderen städtischen Museen nicht verankert ist und die Landeshauptstadt München keine wissenschaftlich betreute Sammlung zu diesem Thema hat. Grundsätzlich feh­len damit die Voraussetzungen für eine im und vom Münchner Stadtmuseum permanent be­treute „Dauerausstellung“.

Frage 7:
Wenn nein, warum nicht, wenn es sich dabei doch um einen wesentlichen Bestandteil der stadtgeschichtlichen Darstellung handelt, für die ein Stadtmuseum eigentlich der gegebene Platz ist?

Antwort:
siehe Frage 6

Frage 8:
Sollte es wider Erwarten keine Möglichkeit geben, die archäologischen Fundstücke und die, durch die Grabungen gewonnenen Erkenntnisse im Stadtmuseum zu präsentieren, welche Vorstellungen gibt es bei der Stadt dann, wie die Fundstücke aus der Stadthistorie und die ak­tuellen Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich gemacht und nahegebracht werden und ggf. wo?

Antwort:
In den von der Archäologischen Staatssammlung geleiteten Arbeitsrunden der Arbeitsgemein­schaft Archäologie in München versteht sich die Archäologische Staatssammlung kraft ihrer wissenschaftlichen Kompetenz als erster Ansprechpartner.

Frage 9:
Wie viele präsentable Fundstücke gibt es derzeit, die jetzt in Depots schlummern und darauf warten, zeitgemäß präsentiert zu werden?

Antwort:
Dies lässt sich so nicht quantifizieren. Nach Angaben der Archäologischen Staatssammlung stammen allein aus der Grabung am Marienhof über 45.000 Fundstücke. Eine Gesamtzahl für München und eine Einschätzung, wieviel Material davon präsentierbar ist beziehungsweise nach mehr oder weniger aufwändiger Konservierung präsentabel wäre, kann so nicht gege­ben werden. Grundsätzlich scheint die Frage nach animistisch belebten Gegenständen, die „schlummern“ und „warten“, von Voraussetzungen auszugehen, die nicht zwingend auf das wissenschaftliche und museale Selbstverständnis zu übertragen sind.

Frage 10:
Sind die Ergebnisse der Grabungen und Vermessungen, sowie deren wissenschaftliche Auf­bereitung bislang so, dass durchaus von einer Fülle neuer Erkenntnisse über das Leben unse­rer Vorfahren und die Art, das Alter und die Ausbreitung der Siedlungen in München ausgegan­gen werden kann, so dass sich eine Präsentation für das Publikum nach wissenschaftlichen Maßstäben anbieten würde?

Antwort:
Durch die jüngsten Grabungen konnte aus unserer Sicht das bisher bekannte und historisch gesicherte Bild eher bestätigt und mitunter wohl auch nuanciert, aber nicht grundsätzlich ver­ändert werden. Eine abschließende Bewertung steht aus; hierfür sind von fachlicher Seite die Ausführungen zu berücksichtigen, die aus archäologischer Sicht von Herrn Dr. Behrer zu er­warten sind (Dr. Christian Behrer, Büro für Denkmalpflege, Regensburg,
info@denkmalpflege.biz). Eine wissenschaftlich fundierte Präsentation für ein breites Publikum bietet sich gleich­wohl an und ist auch geplant (s.o. Fragen 2 und 4).

Frage 11:
In wessen Besitz befinden sich derzeit diese Fundstücke und würden sie ggf. für eine Dauer­ausstellung in städtischer Regie zur Verfügung stehen?

Antwort:
Mit Stadtratsbeschluss vom 20.06.013 wurde vereinbart, dass die bisherigen und künftigen ar­chäologischen Funde aus der Stadt München ins Eigentum des Freistaates Bayern, vertreten durch die Archäologische Staatssammlung übergehen. Weiterhin wurde beschlossen, dass die Funde im Eigentum der Archäologischen Staatssammlung der Stadt München bei Bedarf zu Ausstellungszwecken kostenfrei als befristete Leihgaben zur Verfügung gestellt werden, sofern die notwendigen konservatorischen Bedingungen eingehalten werden. Unabhängig der Eigen­tümerschaft befinden sich Funde aktuell im Besitz des Bayerischen Landesamtes für Denk­malpflege, der Archäologischen Staatssammlung, der Staatssammlung für Paläoanatomie und Anthropologie sowie des Münchner Stadtmuseums.

Frage 12:
Wäre es ggf. möglich, dass der für München zuständige Grabungsleiter, bzw. Leiterin, dem Kulturausschuss zeitnah einen Kurzüberblick über den derzeitigen Stand der Grabungen, wei­tere Vorhaben und den daraus gewonnenen Erkenntnissen gibt und wenn ja, in welchem Zeit­raum ist das möglich?

Antwort:
Der Ansprechpartner zum Grabungsgeschehen ist über das Bayerische Lan­desamt für Denkmalpflege, poststelle@blfd.bayern.de, zu erreichen. Die Archäologische Staats­sammlung erklärt sich gerne bereit, das Forschungsvorhaben „Archäologie der Altstadt von München“ dem Kulturausschuss vorzustellen.

Von den vorstehenden Ausführungen bitte ich Kenntnis zu nehmen und gehe davon aus, dass die Fragen damit beantwortet sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Küppers
Berufsm. Stadtrat

Richard Quaas
Richard Quaas
Marian Offman
Marian Offman

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